Chronik eines angekündigten Todes?

VON OLIVER GREBE
„Sanierung geglückt, Gebäude tot“ betitelte die Kölner stadtrevue im Aprilheft 2019 ihren Artikel zur Baustelle Rheinparkcafé. Obwohl die laufende Sanierung noch komplett im Rohbau steckt – der Patient also noch im OP ist – deklariert das Kulturmagazin das überregionale Kölner Architekturdenkmal von 1957 bereits für tot. Ein Interpretationsversuch mit Hilfe fremdländischer Literatur…

In Analogie zum diagnostiziertem Gebäudetod ist mir unmittelbar der Roman des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez eingefallen: „Chronik eines angekündigten Todes“ – Mensch und Gebäude einmal gleichgesetzt.

Der 1981 erschienene Roman erzählt in dokumentarischer, fast journalistischer Genauigkeit die Umstände, in denen ein ganzes karibisches Dorf von der bevorstehenden Gewalttat weiß, um eine Familienehre wiederherzustellen. Aber niemand vermag sie zu verhindern, obwohl selbst die zukünftigen Täter mehr aus Pflichtbewusstsein als aus Überzeugung handeln, ja sogar regelrecht hoffen, dass jemand sie an der Tat hindern möge.

Analog zum karibischen Roman, im Stil des Magischen Realismus, beschreibt die stadtrevue einen „Kölnischen Realismus“: Anscheinend weiß das ganze „Dorf“, was dem grazilen und fragilen Architekturjuwel blüht. Alle schauen zu, aber keiner vermag es zu verhindern.

Im Artikel liefern die Interviewten Personen Statements, die keinerlei Einfluss auf den realen Verlauf der Sanierung zu haben scheinen: Die Bauherrensprecherin verbreitet Fertigstellungsoptimismus, der architekturverliebte Aktivist träumt von mehr Wertschätzung für das lokale Kulturerbe und der geschädigte Geschäftsmann und zukünftige Pächter beklagt seine Gewinnverluste.

Letzterer hat im Artikel das Schlusswort mit: „Er hat uns sehr viel Geld gekostet“. Gemeint ist der Aktivist. Der Schuldige ist damit eindeutig identifiziert. Fazit: Wirtschaftliches „Win-Win“ ist nicht möglich, wenn sich Fremde einmischen. So einfach so gut?

Kultureller Mehrwert Architektur

„Es wäre schön, wenn nicht nur über die Bauzeit und explodierende Kosten berichtet würde, sondern auch von Inhalten und Zielen von Architektur. Über den kulturellen Mehrwert, der darüber hinaus geht, über architektonische Qualität und den städtebaulichen Wert“ wünscht sich der Aachener Architekt Gerhard Wittfeld im jüngst erschienenen März-Interview mit koelnarchitektur: „Architekten haben die Pflicht, zu informieren“

Wittfeld beklagt das mangelnde Interesse bei lokalen Journalisten am gesellschaftlichen relevanten Teil von Architektur und wünscht sich viel mehr inhaltliche Recherche und differenziertere Berichterstattungen.

Anlässlich des Bauhaus100-Jubiläums erinnert die stadtreveue in der Titelstory der selben Ausgabe gleichsam an ikonenhafte Bauten der „Moderne vor der Haustür“. Leider stellt das Kulturmagazin aber keinen Brückenschlag von den gesellschaftlichen Bauhaus-Visonen vor dem 2. Weltkrieg zu den von Bauhaus inspirierten Bauten nach dem Krieg her. Soziale oder politische Parallelen von Bauhaus zur Bundesgartenschau finden sich leider keine.

Dabei ist das Konzept der Bundesgartenschau eine gebaute gesellschaftliche Utopie. Das heitere Wechselspiel von Natur und Architektur ist ein „Bio-Urban-Landscape“ mit sozialem Nachhaltigkeitsprädikat der Extraklasse! Alle neuzeitigen Branding-Polit-Header aus der Grünen und Sozialdemokratischen Öko-Kiste könnten werbetechnisch in einer pfiffigen PR hier genutzt werden. Aber der Rheinpark hat aktuell kein mediales Branding.

Der Architekt Rambald von Steinbüchel-Rheinwall, der Architekt des Parkcafés, war seinerzeit Meisterschüler des renommierten Architekten Hans Poelzig und dann Mitarbeiter von Peter Behrens. Er war sehr gut befreundet mit Architekten wie Egon Eiermann, Sepp Ruf und Helmut Hentrich (Dreischeibenhaus in Düsseldorf). Gemeinsam mit dem Gartenarchitekten Herbert W. Dirks aus Bad Nauheim gewann Steinbüchel-Rheinwall 1954 den Wettbewerb für die Bundesgartenschau.

Die von den Schirmherren Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer eröffnete BUGA 1957 war ein enormer internationaler Impuls für das Kölner Stadtmarketing. „Die Besucher strömten, rund 4,3 Millionen in 179 Tagen“, so Andreas Rossmann von der FAZ in seinem Artikel „Café mit Aussicht“ zum 60. BUGA-Jubiläum 2017.

Kitt für die Gemeinschaft

Welche Bedeutung die Architektur als integrierende Kraft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, ist wieder hochaktuell. Am 25. Januar 2019 wurde der „DAM Preis für Architektur in Deutschland“ vergeben. Der Preis soll wichtige Entwicklungen im Land dokumentieren und den Architekturdiskurs prägen. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung bekommt die soziale Bedeutung und der Wert öffentlicher Infrastrukturgebäude eine stärkere Bedeutung. Als „Kitt für die Gemeinschaft“ betitelte Christian Holl seinen erläuternden und lobenden Artikel darüber im überregionalen Onlinemagazin für Architektur und Stadt marlowes. Dieser überregionale Architektur-Diskurs bietet neue Chancen für neue wertschätzende Blicke auf das Rheinparkcafé!

Aber die Zukunft des Rheinparkcafés interessiert die lokale Berichterstattung bislang leider wenig. Zu klein und zu unbedeutend scheint das kleine Gebäude im Kontext der Gesamtstadt, wie das April-Ranking des Stadt-Anzeigers zeigt. Zur besseren Zuordnung habe ich bei den TOP 10 eine Bauherrkategorie ergänzt.

Wirtschaftlichkeit versus Denkmalschutz

Denkmalgerechte Sanierungen von Gebäuden sind hochkomplexe und schwierige Prozesse bei denen immer wieder die Abwägung zwischen Baukunsterhalt und die nötigen Veränderungen für neue Nutzungen und neue Normerfüllungen aufeinanderprallen. Der Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit, Denkmalschutz und Nachhaltigkeit ist allgegenwärtig und muss bei jedem architektonischem Bauteil bewertet und entschieden werden. Ob Altes bewahrt wird, Neues im Look von Altem gebaut wird, oder komplett ein neuer Look entsteht, sind komplizierte Prozesse mit vielen Interessenkonflikten. Auch die Art und Weise wie der Konflikt geführt wird ist ein Abbild der jeweiligen Zeit.

Je transparenter diese Entscheidungsprozesse mit der Gesellschaft geführt werden, desto größer ist die Identifikation der Gesellschaft mit dem Ergebnis. Ohne Informationen fühlen sich die Leute ohnmächtig. Hier ist noch viel Potential beim Rheinparkcafé!

Die aktuellen gesellschaftlichen Heimat-Trends und die Retro-Style-Mode, insbesondere der „fifties“ könnten gewinnbringend genutzt werden, um die erforderlichen Mehrmittel für eine rundum schöne Rettung des architektonischen Kölner Juwels zu suchen. An dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe würde sich eine breite Bürgerschaft bestimmt gerne beteiligen – wenn öffentlich darüber lösungsorientiert diskutiert würde. Das Rheinparkcafé ist zwar nicht Notre Dame, aber etwas Kleingeld würde bei entsprechender PR bestimmt zusammenkommen.

Solange die Sanierungsbaustelle jedoch läuft, hilft es dem Rettungsprozess nicht, wenn der Gebäudetod verkündet wird. Das Einzige was dadurch stirbt, ist die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis. Lasst uns lieber gemeinsam an das Leben des Patienten glauben und neue Wege für seine Rettung suchen …

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